Tauschwunder: Ein Pint Bier für ein Kilo Äpfel

Die Geschichte des Pubs „The Pigs“ aus dem ostenglischen Edgefield ging wegen ihres ungewöhnlichen Tauschsystems um die Welt.

„Wenn Ihr irgendetwas angebaut, aufgezogen, geschossen oder gestohlen habt, was zu unserem Menü passen könnte, dann bringt es her und wir kommen ins Geschäft“

…ist immer noch auf einem Schild am Eingang des Pubs zu lesen.

Um die Folgen der Wirtschaftskrise zu lindern kam die 25-jährige Wirtin Cloe Wasey vor einigen Jahren auf die Idee, den Dorfbewohnern, die wegen Arbeitslosigkeit oder anderen Gründen auf ihr Feierabendbier nicht verzichten wollten ein Pint Bier gegen frische “Naturalien” wie Obst, Gemüse, Kräuter, Eier, Fisch oder Fleisch auszuschenken. Auch Kaninchen aus eigener Zucht, frisch geschossene Fasane und Tauben landen beim Chefkoch Mr. Tom Abbot und seinem Team. Wie viele „Pints“ Bier (etwas mehr als ein halber Liter) der tauschwillige Gast für seine Waren bekommt ist abhängig von der Qualität und der Menge der angebotenen Waren.

www.sparnews.eu interviewte Mrs. Carolyn Bowden von „The Pigs“ und fragte nach wie alles begann, welche Vorteile das Tauschsystem dem Pub als auch den Gästen im Hinblick auf Identität bringt, ob es Entwicklungspotentiale gibt und was das örtliche Finanzamt dazu sagt.

www.sparnews.eu: Wie ist die Idee entstanden?

Carolyn Bowden: Das Barter-System entstand, weil immer wieder Gäste ins Pub kamen und dem Chefkoch ihre überschüssigen Erzeugnisse anboten. Die Grafschaft Norfolk ist bekannt für ihre vielseitige Landwirtschaft. Angebaut werden z.B. Kartoffeln, Spargel, Tomaten, Erdbeeren, Himbeeren, Äpfel usw. Weitere bedeutende Erzeugnisse aus dieser Region sind Fisch und Krustentiere, vor allem frische Krabben und Muscheln.
Tim Abbott, der Chefkoch, und Cloe Wasey, die Managerin, beschlossen eine Tafel an der Bar aufzuhängen auf der sie bekannt gaben dass sie bereit wären Bier, Wein oder sogar Essensgutscheine gegen qualitativ gute, lokale Erzeugnisse einzutauschen, von denen man weiß woher sie stammen und die für unsere Gerichte verwendet werden konnten. Wenn die Gäste damit einverstanden waren, wurde ihr Name auf die Tafel gesetzt so dass man zum Beispiel „Trevor’s Kartoffel-Rosmarin-Suppe“oder „Jill’s Erdbeertorte“ angeboten bekam.

www.sparnews.eu: Seit wann gibt es das Barter-System?

Carolyn Bowden: Das Barter-System gibt es schon seit ein paar Jahren, aber letzten Sommer (2008) ging es richtig los, als das Modell allgemeine Bekanntheit errang. Die Idee schlug bei der Presse hier in Großbritannien ein wie eine Bombe, und Tim und Cloe und ihr Team wurden von lokalen, nationalen und internationalen Zeitungen interviewt und erschienen auf allen möglichen Radio- und Fernsehprogrammen – die Geschichte ging um die Welt!

www.sparnews.eu: Was sind die beliebtesten Tauschgegenstände?

Carolyn Bowden: Hauptsächlich Obst und Gemüse. Im Herbst sind es Erzeugnisse wie Kürbisse, Zucchini, Butternuss, Äpfel, Birnen, Pflaumen usw. Einige Leute bringen Eier und Fisch, andere bringen gewöhnliche Kräuter. Zusätzlich zum Barter-System kauft Tim auch Erzeugnisse von einer Dame namens Linda, die im Dorf lebt und deren Obst und Gemüse an einem Stand vor dem Pub verkauft wird (es gibt eine „Honesty Box“ in die die Leute ihr Geld werfen und dann nehmen was sie brauchen).

www.sparnews.eu: Wie viele Leute wollen ihre Erzeugnisse pro Tag/Woche eintauschen?

Carolyn Bowden: Nur ein paar pro Woche, mehr im Sommer, da es zu dieser Zeit natürlich mehr frische Erzeugnisse gibt. Die Leute bringen alle möglichen Dinge mit. Kräuter, Eier, Fisch, Meerfenchel (ein Gemüse das speziell in Norfolk wächst – eine Art Seegras), alles was man sich vorstellen kann. Tim muss sicherstellen, dass die Erzeugnisse von bester Qualität sind und natürlich genau wissen woher sie stammen. Wenn der Gast es ihm nicht sagen kann (oder will) wird er es definitiv nicht annehmen. Er muss natürlich auch für alles Verwendung haben was sie bringen – wenn sie z. B. Fisch mitbringen und er aber gerade eine Lieferung bekommen hat, wird er ihn möglicherweise nicht annehmen können.

Es ist hervorragend mit wirklich frischen, lokalen Erzeugnissen arbeiten zu können und macht allen Beteiligten auch richtig Spaß. Es bedeutet auch, dass Tim und die anderen Köche immer neue Herausforderungen bekommen und zeigen können was für Gerichte sie zu zaubern imstande sind.

www.sparnews.eu: Könnten Sie den Erfolg beschreiben seit dem Sie dieses spezielle Tauschsystem eingeführt haben?

Carolyn Bowden: Um ehrlich zu sein ist es wirklich schwierig das in Zahlen zu fassen, da einige der Gäste, die ihre Erzeugnisse ins Pub bringen, auch vor dem Barter-System schon ins „The Pigs“ kamen. Es ist jedoch eine Welle der Begeisterung entstanden und war ein interessantes Gesprächsthema welches das „The Pigs“ definitiv in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Es ist auch großartig den vielen Gästen zu danken indem man ihre Namen auf die Tafel setzt, das vermittelt ihnen ein absolutes Zugehörigkeitsgefühl. Sie fühlen sich mit ihrem Lieblings-Pub und ihrer Heimat verbunden und wissen was dort vor sicht geht, wo die Zutaten herkommen – Das „The Pigs“ ist stolz darauf ein sympathischer Ort zu sein und so profitiert jeder davon.

www.sparnews.eu: Gibt es Probleme mit dem Finanzamt?

Carolyn Bowden: Nein. Das Finanzamt weiß vollkommen über das Barter-System im „The Pigs“ Bescheid und Cloe Wasey, die Managerin, führte ein Gespräch mit ihrem Steuerberater um sicherzustellen, dass genauestens dokumentiert werden kann „was, wann und gegen wie viel“ eingetauscht wird.
Es ist jederzeit nachvollziehbar, welche und wie viele Erzeugnisse eingenommen werden und wie viel an Getränken und Essen dafür eingetauscht und über den Tresen gehen…

Da das Barter-System im Sommer 2008 richtig Fuß fasste dachten Cloe und ihr Team an eine Erweiterung des Programms – sie legten einige Kleingärten hinter dem Pub an und boten sie den Gästen kostenfrei zum Anbau an. Gäste können die Gärten kostenfrei nutzen um für sich Gemüse, Obst und Kräuter anzubauen. Im Gegenzug verpflichteten sie sich, die überschüssigen Erzeugnisse als erstes Tim Abbott und seinem Team anzubieten bevor sie woanders hingehen. Wenn Tim es gebrauchen kann wird er es annehmen und wieder gegen Bier, Wein, andere Getränke oder sogar ein oder zwei Mahlzeiten eintauschen, natürlich je nachdem was angeboten wird und welche Qualität es aufweist.

www.sparnews.eu: Gibt es mittlerweile andere Pubs die Ihre Idee übernahmen?

Carolyn Bowden: Wir wissen nichts von anderen Pubs die offiziell ein Barter-System wie bei uns betreiben, obwohl es wahrscheinlich einige gibt, bei denen Gäste ab und zu einen Korb voller Obst und Gemüse mitbringen und versuchen, es zu verkaufen. Viele andere englische Pubs haben ihren eigenen Kräutergarten oder sogar einen eigenen Kleingarten. Wir haben noch nichts davon gehört dass die Pubs ihre Kleingärten kostenlos ihren Gästen überlassen, so wie wir dies seit einiger Zeit betreiben.

www.sparnews.eu: Was war das Ungewöhnlichste das jemand zu tauschen versuchte?

Carolyn Bowden: Jemand brachte einmal ein Reh, aber die Köche nahmen es nicht an da sie nicht wussten woher es kommt und sie sich nicht sicher sein konnten ob es von einem lizenzierten Jäger stammte. Es gab auch schon viele Hasen und Fasane.

Beitragsbild: Copyright: tirot / PIXELIO

Alex Miller von www.sparnews.eu sprach am 27.9.2009 mit Mrs. Carolyn Bowden von „The Pigs“, Edgefield, England.

3 Kommentare

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